Bericht von der Eröffnung der Wanderausstellung „Die Verleugneten“ in Cottbus am 7. Oktober

Cottbus, eine Stadt, die Mensch aus Berlin schnell erreicht und doch selten bis gar nicht besucht. Zu Unrecht!

Meine Erinnerungen an diese Stadt resultieren aus den 1990er/2000er Jahren und späteren Pressemeldungen. Darin spiegelten sich vor allem rassistische Ausschreitungen, Nazi-Hools des örtlichen Fußballvereins Energie und Verbindungen dieser in lokale kriminelle Strukturen, wie der Türsteherszene.
Gestern nach der 80-minütigen Zugfahrt mit Annika – danke für die kurzlebige, unterhaltsame Tour! –  zeigte sich mir ein weitaus differenzierteres Bild. Zunächst einmal durch sehr viele Menschen, die aus Merzscher Sicht „unser“ Stadtbild verändern, angenehm. Cottbus wirkt aus meiner, zugegebenermaßen eingeschränkten Sicht, als lebendige, ja fast weltoffene Stadt mit den für Ostdeutschland typischen renovierten Fassaden, hier im Jugendstil.

Nicht weit vom Bahnhof befindet sich das Stadtmuseum, in der die Ausstellung „Die Verleugneten“ ab heute zu sehen ist. Sie befindet sich im 3. Stock des Hauses, wirkt aber auf mich nicht eingezwängt, wenn auch nicht luftig. Im ersten Stock sehen Besucher:innen stadt- und regionalgeschichtliche Exponate, wir hatten dafür keine Zeit, bis auf Marina, leider auch nicht für die sicher sehr interessante Ausstellung zur Verfolgung und Ausgrenzung von Menschen, die im NS, aber auch in der DDR als „asozial“ stigmatisiert und verfolgt wurden.

Nach einem kurzen Spaziergang durch die Innenstadt – Oliver Gaida referierte in unverwechselbarer Weise vorbei an Pulvertürmen, ehemaligen DDR-Einkaufszentren, Bauten der 1920/30er Moderne – trafen wir im Museum eine Frau, die sich als Christa vorstellte, Christa Schikorra. Wer von uns ist ihr nicht verbunden, ob ihrer bahnbrechenden Arbeit zu den verleugneten Opfern des KZs Ravensbrück, die nun auch über 20 Jahre zurückliegt und doch immer noch Referenz für neue Arbeiten ist. Sie blieb eine sehr anregende Gesprächspartnerin auch auf der gemeinsamen Rückreise. Danke dafür.

Die feierliche Eröffnung war gut besucht, gemessen an den vollständig besetzten Stuhlreihen. Zunächst gab es die – ich bin ehrlich – für mich ermüdenden, ewigen Danksagungen, wobei aber auch die Intention eines Vereins, der Angebote für ausgegrenzte Menschen, häufig Wohnungslose, anbietet, und der humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Cottbus hervorgehoben wurde, ohne die es diese Ausstellung in Cottbus nicht gegeben hätte. Die Reden der Rektorin – sie war wegen eines anderen Termins in Eile – und der Bürgermeisterin konnte Mensch als wohlwollend / anerkennend lesen.

Es folgten zwei Beiträge von Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, der später seiner Meinung nach lieber mehr Geschichten Angehöriger gehört hätte, als die der „Politiker“ (O-Ton), und so ging es mir auch. Eine beeindruckende Ausnahme waren die Worte der Verantwortlichen besagten Sozialvereins der niedrigschwellige Angebote für ausgegrenzte Menschen in der Umgebung von Cottbus macht. Leider habe ich ihren Namen nicht parat. Sie zeigte sich in einem anschließenden Gespräch mit Annika und Marina auch für eine Zusammenarbeit mit Vevon offen.

Die letzten beiden Redebeiträge waren die aus meiner Beobachtung heraus die für das Publikum eindrücklichsten. Annika und Marina sprachen über Ihre Angehörigen zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Es gelang Ihnen nach nun schon 80 Minuten die Zuhörenden mit einer Zeitreise zu fesseln, die nicht nur die Verfolgung im NS aufzeigte, sondern darüber hinaus auch die weitere Ausgrenzung in den Systemen danach, sei es bei dem Kampf um Anerkennung und Entschädigung, als auch dem alltäglichen Sich-Behaupten-Müssen und -Wollen als (marginalisierter?) Mensch mit vielen Kindern und harter Lohnarbeit, Fluchterfahrungen u.v.m.

Nun ging es in die Ausstellung, die um einige Biografien lokaler verleugneter Opfer ergänzt wurde. Wir unterhielten uns noch mit einer interessierten Reporterin der Lausitzer Rundschau, die auch viele Verständnisfragen hatte. Und da bin ich auf einmal, vielleicht etwas sprunghaft, bei Ines und ihrem Interview im DLF. Es ist ein Problem, dass unseren Geschichten, den Menschen, die wir mit Vevon Namen, Stimme und Gesicht geben wollen, so wenig Platz in der Berichterstattung eingeräumt wird. Tatsächlich, wir vertreten keine Nobelpreisträger/innen, sondern Menschen, deren verstörende Geschichten unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhalten – und wer schaut schon gerne in Gesichter der Ausgrenzung, Zumutungen, Armut und erzwungener Hoffnungslosigkeit.

Die Rückfahrt mit Christa, Annika und Marina war sehr spannend und anregend. Es ging um Grenzen-Setzen bei provozierendem Verhalten (weniger) Heranwachsender an Orten wie dem KZ Flossenbürg, dem Phänomen der „akzeptierenden“ Sozialarbeit in den 1990ern, die Rolle und Herausforderungen Lehrender aktuell im Bereich politischer / historischer Bildung und darum, ob wir uns als Berliner Gruppe von Vevon häufiger treffen wollen.

Ja, wir wollen!

 

Geschrieben von André Glöckner.

 

Zum Weiterlesen:

Informationen der Stadt Cottbus zur Ausstellung